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Norbert Gstrein
Norbert Gstrein

Norbert Gstrein (Mils bei Imst, 3. Juni1961) ist ein österreichisch Schriftsteller. Er lebt jetzt mit seiner Frau und seiner Tochter in Hamburg.

Studien

Nach Gstrein Mathematik an der Universität Innsbruck folgte, setzte er sein Studium für sieben Monate an der Universität Stanford und dann fünf monate auf dem Universität Erlangen. 1988 legte er seine Dissertation „Zur Logik der Fragen“ vor. Dafür wurde er vom Mathematiker berufen Roman Liedl und Philosoph Gerhard Frey geführt.

1988-1995

1988 erschien neben seiner Diplomarbeit und mehreren Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften sein Debütroman „Einer“. Darin erzählt er aus sieben verschiedenen Perspektiven die Geschichte eines jungen Mannes, der jedoch nie zu Wort kommt. Die Nuancen und Widersprüche, die zutage treten, zeigen, dass es unmöglich ist, eine Lebensgeschichte aus einer Dimension zu betrachten.

Bis einschließlich „Der Kommerzialrat“ (1995) spielen alle Prosageschichten von Gstrein in Tirol. Da das österreichische Bundesland in seinen ersten fünf Romanen negativ dargestellt wird, wird Gstreins Patriotismus mehrfach in Frage gestellt. Seine späteren Werke widerlegen diese Ansicht jedoch.

1999-2004

Seit 1999 betritt Gstrein buchstäblich und im übertragenen Sinne Neuland. Seine Geschichten spielen nicht mehr so Tirol aber im Ausland bringen sie gelegentlich das Thema Krieg, das immer noch in der Deutsche wieder ins Gedächtnis geätzt.

In seinem Roman „Die englischen Jahre“ beschreibt Gstrein, wie eine Frau London die Lebensgeschichte eines jüdischen Emigranten aus Wien versucht zu rekonstruieren. Obwohl sie es zunächst zu leugnen versucht, stellt sich schließlich heraus, dass sie es mit einem Betrüger zu tun hat, der nach Zweiter Weltkrieg konnte viele Vorteile aus seiner jüdischen Identität ziehen.

Im Anschluss an diesen Roman hielt Gstrein seine Rede „Fakten, Fiktionen und Kitsch beim Schreiben über ein historisches Thema“. Darin sucht er die Antwort auf die Frage nach dem Wie Holocaust in einem literarischen Werk angemessen dargestellt. Im Jahr 2000 erschien die Rede erstmals in der Literaturzeitschrift „Büchner“.

Im Jahr darauf veröffentlichte Gstrein seine Prosageschichte „Selbstportrait mit einer Toten“. Obwohl er es zunächst als Rahmen für den Roman „Die englischen Jahre“ präsentierte, gab er diese Idee dennoch auf. Der Fokus drohte vom Kern der Geschichte abzuweichen.

So wie Gstrein in der fiktiven Biografie "Die englischen Jahre" die Verlässlichkeit sogenannter historischer "Fakten" anprangert, setzt er in seinem Roman "Das Handwerk des Tötens" (2003) seine Suche nach der Wahrheit in Kriegszeiten fort. Diesmal führt er die Leser zu Kosovo, wo ihnen ein unabhängiger Journalist die Geschichte eines seiner Kollegen erzählt. Letzterer will ein Buch über das Leben eines befreundeten Kriegsreporters veröffentlichen, der im Kosovo-Krieg ums Leben gekommen ist, aber ohne Erfolg. Gstreins Entscheidung, die Geschichte aus mehreren Perspektiven zu beschreiben, bietet einen klaren Blick auf die sogenannten Wahrheiten, die als eine Mischung aus Gerüchten, Annahmen und Interpretationen entlarvt werden. Weil der Autor den Roman dem im Kosovo-Krieg gefallenen Journalisten Gabriel Grüner widmete, wurde „Das Handwerk des Tötens“ von manchen fälschlicherweise als Schlüsselroman gedeutet und kritisiert. Mit seinem Aufsatz „Wem gehört eine Geschichte?“ Gstrein widersetzt sich dieser Kritik.

2008-2013

2008 ging Gstrein einen anderen Weg, nicht thematisch, sondern erzählerisch. In seinem Roman „Die Winter im Süden“ lässt er zum ersten Mal nur seine Hauptfigur zu Wort kommen. Gstrein erklärt im Interview: „Ich hatte den Eindruck, dass der skeptische Ich-Charakter in „Handwerk des Tötens“ nicht viel mehr zu sagen hat. Es war so vorsichtig mit der Realität, dass es im nächsten Buch wahrscheinlich alles seinen Lauf lassen würde und sich nicht mehr äußern würde.“ Inhaltlich orientiert sich der Roman an „Handwerk des Tötens“: Zentrales Thema ist die Geschichte eines kroatischen Faschisten, der nach 40 Jahren Zweiter Weltkrieg zu Argentinien geflohen, kehrt in seine Heimat zurück, um die kroatische Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen.

Mit „Die ganze Wahrheit“ (2010) fokussiert Gstrein ein für ihn völlig neues Genre: das Groteske. In diesem Roman erzählt er die Geschichte eines kleinen Verlegers, der seine Frau verlässt und einen jungen und attraktiven Schriftsteller heiratet. Letztere hat eine große und heimliche Vorliebe für Juden sowie ein fantasievolles Verhältnis zur eigenen Biografie. Für ihren Mann und den Herausgeber des Verlags, der die Geschichte erzählt, bleibt dies nicht ohne Folgen. Rezensenten diskutieren, ob es sich um einen Schlüsselroman handelt oder nicht. Spezifische Veröffentlichungshinweise sowie Verweise und Zitate aus den Romanen von Ulla Berkéwicz führten zu dieser Diskussion. Dabei wird übersehen, dass es sich bei dem Buch hauptsächlich um eine satirische Darstellung mit Varianten und Folgen des Irrationalismus des 21. Jahrhunderts handelt, die sich überraschend mühelos mit religiösen Motiven der jüdisch-christlichen Tradition verbinden lassen.

In „Eine Ahnung vom Anfang“ (2013) steht religiöser Fanatismus im Mittelpunkt. Die Geschichte handelt von einem Lehrer, der seinen Lieblingsschüler Daniel mit Literatur versorgt. Als jedoch eine Bombe gefunden wird und der Lehrer den möglichen Täter als Daniel erkennt, fürchtet er, an der religiösen Radikalisierung seines Schülers schuld zu sein. Zweifel und Unsicherheiten gewinnen beim Lehrer die Oberhand. Am Ende des Romans bleiben Bedenken über den Einfluss mythologischer Interpretationen auf eine säkularisierte Welt.

Literaturverzeichnis

  • Zur Logik der Fragen (1988)
  • Einer (1988)
    • Deutsche Bedeutung: Der Tag, an dem sie Jakob holten (übersetzt von Els Snick)
  • Andere Tags (1989)
  • Dachsregister (1992)
  • O2 (1993)
  • Der Kommerzialrat (1995)
  • Die englischen Jahre (1999)
    • Niederländische Übersetzung: Die englischen Jahre (übersetzt von Nelleke van Maaren)
  • Selbstportrait mit Toten (2000)
  • Das Handwerk des Tötens (2003)
    • Niederländische Übersetzung: Ein grausamer Sommer (übersetzt von Els Snick)
  • Wem gehört eine Geschichte? Fakten, Fiktionen und ein Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens (2004)
  • Sterben Winter im Süden (2008)
  • Die ganze Wahrheit (2010)
  • Eine Ahnung vom Anfang (2013)
  • Die Kommenden Jahre (2018)
  • Wenn ich jung war (2019)

Preise

  • Rauriser Literaturpreis (1989)
  • Stadtschreiber von Graz (1989)
  • Forderpreis des Bremer Literaturpreises (1989)
  • Ingeborg-Bachmann-Preis - Preis des Landes Kärnten (1989)
  • österreichischer Förderungspreis für Literatur (1990)
  • Kunstpreis der Stadt Innsbruck 1. Preis für Erzählende Dichtung (1990)
  • Berliner Literaturpreis (1994)
  • Alfred-Döblin-Preis (1999)
  • Tiroler Landespreis für Kunst (2000)
  • Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2001)
  • Uwe-Johnson-Preis (2003)
  • Franz-Nabl-Preis (2004)
  • Anton-Wildgans-Preis (2013)
  • Kunstpreis der Stadt Innsbruck (2018)
  • Österreichischer Buchpreis (2019) für wenn ich jung wäre
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